Talk: “Agiler Kapitalismus: Wollen wir wie das Kapital selbst werden?”


Urania Berlin

Mittwoch, 13. Januar 2021, 19.30 Audio Livestream
 
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Agile Methoden haben die Arbeitswelt revolutioniert: in Unternehmen werden Hierarchien abgebaut und Eigeninitiative gefördert, Prozesse werden transparenter. Auch im Privaten wird evaluiert, bewertet und darüber hinaus das Selbst immer wieder optimiert und neu erfunden: ganz im Sinne des Kapitalismus.
Vor bald 20 Jahren formulierte eine Handvoll Programmierer und Software-Experten das Gründungsdokument der agilen Bewegung. Das Agile Manifest veränderte Arbeitsweisen und Selbstverständnis einer ganzen Branche, seine Prinzipien wurden insbesondere bei Start-ups populär. Seine Wirkung geht jedoch weit darüber hinaus: In nahezu jeder Branche, ja für unser ganzes Leben wird Agilität gefeiert und gefordert.
Aus Arbeitern und Angestellten in festen Abteilungen mit steilen Hierarchien werden in der schönen neuen Projektwelt Teamer mit wechselnden Rollen und Aufgaben, Vorgesetzte zu ihren Coaches, ganze Unternehmen erfinden sich als Projekte neu. Auch im Privatleben heißt die Parole: Sei agil, beweglich, flexibel. Bleib nicht stehen, investiere in dich selbst, erfinde dich neu. Als Product Owner unserer selbst sind wir angehalten, uns zu messen und zu optimieren, Rechenschaft abzulegen über unsere Performance im Projekt des Lebens. Wir zählen unsere Schritte, überwachen unseren Schlaf und berechnen unseren Gesundheitsscore.
Von linker Seite wird diesen Entwicklungen eher mit Wohlwollen begegnet, sie werden gar in einem Atemzug genannt mit Technologien und Praktiken wie offenen Standards, Open Source und Bürgerpartizipation. Doch Timo Daum zeigt: Das Dogma der Agilität passt perfekt zu den Anforderungen des Digitalen Kapitalismus, die historische Tendenz immer größerer Freiheit in der Sklaverei findet hier ihre Vollendung – Geschwindigkeitsdruck und Kontrolle sind bloß nach innen verlegt.

Timo Daum arbeitet als Hochschullehrer in den Bereichen Online, Medien und digitale Ökonomie. Er ist studierter Physiker und verfügt über zwei Jahrzehnte Berufserfahrung in der IT-Branche. Sein Buch “Das Kapital sind wir. Zur Kritik der digitalen Ökonomie” (2017) wurde mit dem Preis “Das politische Buch 2018” der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgezeichnet. 2019 erschien “Die Künstliche Intelligenz des Kapitals”.

In Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung